Theaterstück „Zwischen den Stühlen“

Am Freitag, den 11. Dezember 2020 wird das Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ auf der Studiobühne der berliner schule für schauspiel uraufgeführt (Premiere). Am 12. und 13. Dezember 2020 wird es jeweils eine weitere Aufführung geben.

Geschrieben wurde das Stück von einem unserer Stipendiaten, der vor einigen Jahren aus Syrien nach Deutschland flüchtete und heute an der berliner schule für schauspiel Schauspiel studiert.

Da es sich um ein regimekritisches Werk handelt, hat er sich schweren Herzens dazu entschlossen, sein Theaterstück nicht unter seinem eigenen Namen zu veröffentlichen, damit seine Familie in Syrien keinen Repressalien ausgesetzt wird.

Mit diesem Theaterstück möchte unser Stipendiat den Dialog zwischen Deutschen und Geflüchteten fördern und mehr Verständnis für die Situation von politisch Verfolgten schaffen. Daher soll es nach dem Stück auch eine Diskussion mit dem Publikum geben.

Inhalt des Theaterstücks

Das Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ basiert auf dem Roman „Ich verrate meine Heimat | Delirium in Horror und Freiheit“ des Schriftstellers Mohamad Almaghout, der im Jahr 2006 in Damascus verstarb. Er erschuf seine Hauptfigur, um seiner Verzweiflung über die politische Situation in Syrien freien Lauf zu lassen.

Obwohl sich der Roman weitestgehend mit Konflikten beschäftigt, die sich auf den ersten Blick auf den arabischen Raum beschränken, sind viele Gedanken und Gefühle der Hauptfigur, auch in der westlichen Welt, heutzutage kaum jemandem fremd.

Das Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ ist eine humoristische Darstellung der Unzufriedenheit eines jungen Mannes über den Niedergang seiner Heimat. Nach verschiedenen absurden Begegnungen versucht er, seine inneren Grenzen zu überwinden, um seinen Wunsch nach einem anderen, besseren Leben verfolgen zu können.

Produktion und Inszenierung

Das Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ wurde von der Schulleitung der berliner schule für schauspiel (bsfs) als Schulprojekt ausgewählt und wird als solches auch in deren Schauspielunterricht integriert.

An dieser Inszenierung dürfen sich ausnahmsweise nicht nur Studenten der Schauspielschule beteiligen, sondern auch theaterinteressierte Geflüchtete und Migranten.

Die Kosten für deren Unterricht werden von SBW Berlin übernommen, denn auch wir wollen einen Beitrag zur Integration von Geflüchteten und mehr Verständnis zwischen den Kulturen leisten.

Regie führt die Regisseurin und bsfs Dozentin Karin Mikityla. Unter ihrer Leitung wird eine professionelle Inszenierung erarbeitet.

Am Dienstag, den 13. Oktober 2020 findet voraussichtlich eine öffentliche Szenenstudie statt. Vertreter der Presse und anderen Multiplikatoren sind herzlich dazu eingeladen!

Bitte melden Sie sich bei Interesse direkt bei der berliner schule für schauspiel.

Position der Schulleitung

„Das Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ hat für uns als Schauspielschule eine besondere Bedeutung und einen besonderen pädagogischen Wert.

Zunächst einmal wollen wir den Studenten vermitteln, dass Theater immer auch eine gesellschaftliche Verantwortung trägt. Das Theater analysiert die Gegenwart, hinterfragt und kritisiert soziokulturelle Zusammenhänge. Somit muss das Theater, aber auch jede andere Kunstform, die Freiheit besitzen diese Aufgabe wahrzunehmen, ohne Zensur und ohne politische Einflussnahme.

Mit „Zwischen den Stühlen“ unterstützen wir einerseits den Initiator des Projekts, unseren Studenten H., und andererseits den Autor des Theaterstücks, auf dem diese Inszenierung basiert. Beide kommen aus Syrien, einem vom Bürgerkrieg geplagten Land ohne Meinungsfreiheit und elementaren Grundrechten.

„Zwischen den Stühlen“ thematisiert die Menschenrechtslage in Syrien, die mangelnde Freiheit, die Korruption und die Repression. H. inszeniert dieses Stück aus seiner Sicht als jemand, der dieser Situation in Syrien zwar entfliehen konnte, jedoch mit seinem Land durch viele Aspekte weiterhin verbunden bleibt. Außerdem wollen wir mit dieser Inszenierung einen Autor aus einer uns fremden Kultur kennenlernen und unseren Studenten Einblicke in diese fremde Kultur gewähren.

Künstlerisch können wir unseren Studenten die Freiheit geben mithilfe des Stilmittels des Grotesken mit allen Mitteln zu spielen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Somit hat „Zwischen den Stühlen“ unser Interesse als Schauspielschule dadurch geweckt, dass wir einige für uns wichtige Aspekte im Schauspielstudium gut abdecken können: gesellschaftliche Relevanz und Kritik, das Erweitern des Horizonts und das Erlernen sowie das Anwenden eines bestimmten Stilmittels (in diesem Fall das Groteske).“

Position des Autors

Unser Stipendiat wollte dieses Stück auf die Beine stellen, weil das zugrundeliegende Thema eine hohe gesellschaftliche Relevanz aufweist:

„Schon seit einigen Jahren halten sich in Deutschland viele Geflüchtete aus arabischen Ländern auf. Deren Anwesenheit in Deutschland wird immer mehr zur Normalität. Auf politischer Ebene wird nach wie vor rege debattiert, wie mit dieser Situation in Zukunft umgegangen werden soll:
Dürfen wir bleiben? Müssen wir irgendwann wieder gehen? Und wenn ja, wann? Welche Auswirkungen hat unsere Anwesenheit auf die deutsche Gesellschaft? Werden dadurch bestimmte deutsche Werte in Gefahr gebracht?

Leider beschäftigen sich bisher ausschließlich Menschen, die uns im Alltag begegnen und uns näher kennenlernen, mit den kulturellen und religiösen Merkmalen, die uns in unserer Heimat prägten und uns zu den Menschen machen, die wir heute sind. Denn nur bei näherer Betrachtung kann man sehen, worauf nicht einmal wir selbst zu blicken wagen.

Dort, wo ich herkomme, bedeutet Heimat sehr viel. So viel, dass es als schwerer Verrat gilt, sie zu verlassen. Wir haben sie trotzdem verlassen. Wir ließen nicht nur etwas hinter uns, wir überließen unsere Heimat, Familie und Freunde ihrem Schicksal. Und wir sprechen kaum darüber, denn der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, lässt uns erstarren. Uns wurde von klein auf beigebracht, unsere Heimat zu lieben und zu ehren – und sie nicht im Stich zu lassen.

Gerade junge Männer, die davor geflohen sind, Opfer eines Krieges zu werden und für etwas zu sterben, für das es sich nicht einmal zu leben lohnt, tragen diese Bürde mit sich und versuchen, ihre Schuld auf unterschiedliche Art zu kompensieren. Im Stillen. Denn wir werden nie danach gefragt, wie es sich anfühlte, unsere Heimat zu verlassen. Wir werden nie danach gefragt, was in uns vorging, bevor wir uns dazu entschlossen zu gehen. Zum Glück, denn vor der Antwort schämen wir uns, obwohl kein Grund dazu besteht.

Es ist ein Thema, das vor allem syrische Geflüchtete nie ansprechen.
Mit diesem Theaterstück möchte ich das tun. Ich möchte den Mitwirkenden eine Gelegenheit dazu geben, ihre Wunden zu verarzten und den Zuschauern einen Einblick gewähren, in den inneren Kampf zwischen dem Wunsch zu gehen und der Pflicht zu bleiben. Denn es ist ein wichtiger Kampf, für dessen Ausgang wir uns rechtfertigen müssen.

Zwischen den Stühlen“ soll dabei helfen, diesen Kampf zu beenden und das schlechte Gewissen zu begraben – nicht unter dem Schleier der Vergessenheit, sondern unter Tränen der Erlösung. Denn Theater gibt nichts vor. Theater bewegt jeden auf seine ganz individuelle Art und Weise.“

Zur aktuellen Lage in Syrien

Andersdenkende und ihre Angehörigen werden vom omnipräsenten Geheimdienstapparat rigoros verfolgt, willkürlich verhaftet und gefoltert. Auch der Rest der Bevölkerung leidet unter bitterer wirtschaftlicher Not, Korruption, Zerstörung und Vertreibung.

Allein im Zeitraum zwischen Dezember 2019 und Juni 2020 wurden knapp eine Million Menschen in die Flucht getrieben, darunter 80% Frauen und Kinder. Lediglich 200.000 davon konnten wieder in ihre Heimat zurückkehren.

Experten schätzen, dass seit Ausbruch des Bürgerkriegs im Frühjahr 2011 mehr als 500.000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen sind, darunter viele Zivilisten. Über 6,6 Millionen Syrer flohen ins Ausland. Weitere 6,1 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land. Insgesamt befindet sich aktuell mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung auf der Flucht.

Foto-Copyright: Matthias Kreplien (2020)

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