Seit dem Frühjahr 2020 kooperiert SBW Berlin mit India Trust, um den Bau eines Schullandheims im Südosten Indiens zu fördern.

Diese Kooperation wurde von Dr. David Pankiraj initiiert. Er ist Pfarrer einer katholischen Gemeinde in der Nähe Pforzheims und einer der Mitgründer von India Trust – Home for the Children. Deshalb haben wir ihn um ein kleines Interview gebeten:

Wer bzw. was verbirgt sich hinter dem Namen India Trust?

India Trust bedeutet in der tamilischen Sprache dasselbe wie Charity (Caritas). Hinter dem Namen verbirgt sich ein gemeinnütziger Verein. In Indien muss jede Nicht-Regierungsorganisation (NGO) registriert werden. Die Einnahmen und Ausgaben werden jedes Jahr vom Innenministerium kontrolliert. Daher wird unser Kinderheim vom Verein India Trust betrieben. Um die Sache zu vereinfachen, wurde es nach India Trust benannt.“

Was war der Anlass für die Gründung dieser Initiative?

„Es ist offenkundig, dass die Angehörigen der niedrigen Kasten bessere Bildungschancen brauchen, zumal sie mehr als die Hälfte der Inder ausmachen. Gerade auf dem Land werden sie bis heute unterdrückt, von Chancengleichheit sind sie weit entfernt. Die Mitglieder der drei höchsten Kasten, denen etwa ein Fünftel der Bevölkerung angehört, besetzen rund drei Viertel aller Stellen in neuen Wirtschaftszweigen wie der Informationstechnologie.

In meiner Heimat-Diözese Sivagangai / Tamilnadu im Süden Indiens leben etwa 3 Millionen Menschen, darunter etwa 226.000 Christen. Die meisten von ihnen gehören zu den sog. niedrigen Kasten. Zumeist verdienen sie ihren Unterhalt als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Die Eltern sind Analphabeten. Da ihr Lohn kaum ausreicht, um die Familie zu ernähren, können sie sich auch kein Schulgeld leisten. So haben ihre Kinder keine andere Möglichkeit, als selbst auch Tagelöhner zu werden. Aufgrund ihrer Armut müssen viele Kinder die Schule schon in jungen Jahren abbrechen.

Ihre einzige Hoffnung ist Bildung. Diese armen Kinder möchten eine Schulbildung haben, um für sich selbst sorgen zu können. Sie wünschen sich inständig, berufliche Grundfertigkeiten zu erlernen, damit sie ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Denn sie möchten nicht ihr ganzes Leben lang von anderen Menschen abhängig sein. Deshalb starteten wir unser Hilfsprojekt India Trust.“

Wofür setzt sich India Trust heute ein?

India Trust bietet Bildung für indische Mädchen, darunter viele Waisen, Halbwaisen und Arme aus den niedrigen Kasten. Die Kinder werden ausgewählt und in das Kinderheim gebracht, um ihnen eine gute Schulausbildung zu geben. 65% der Kinder kommen aus Dalit-Familien, das heißt aus niedrigen, unterdrückten Kastengruppen. Die Kinder werden von Pfarrern und Ordensschwestern verschiedener Gemeinden ausgewählt, die die Familienverhältnisse gut kennen. Wenn die Kinder ohne das Kinderheim keine Chance auf Schulbildung haben, nehmen wir sie auf. Vor Beginn des Schuljahres werden die Familien von einem Team besucht, das vor Ort nochmals genau überprüft, ob die Familie wirklich unbedingt Unterstützung benötigt.

Die Eltern dürfen die Kinder regelmäßig besuchen. Sie kommen einen Tag im Monat ins Kinderheim und werden über das aktuelle Geschehen und den aktuellen Stand informiert. Zu den Waisen oder Halbwaisen kommen ab und zu die Großeltern. An diesen Tagen werden auch Elterngespräche geführt – über Frauenrechte, Unterstützung in der Familie, Entwicklungsmöglichkeiten, Bildung, etc. Ab und zu kommen auch Referenten von außerhalb und bilden die Mütter und Familienangehörigen fort.

Manchmal schicken die Eltern ihre Mädchen mangels Mitgift zur Kinderarbeit. Das wollen wir verhindern. Andere bleiben zu Hause, um den Eltern in der Landwirtschaft zu helfen – als Tagelöhnerinnen. Dadurch bleiben sie Analphabeten und haben keine Chance, zur Schule zu gehen. Daher nehmen wir solche Mädchen aus der Umgebung in unser Kinderheim auf und bringen sie von dort aus zur Schule. Auf diese Weise erhalten die Mädchen Unterkunft, Verpflegung und Unterricht.“

Was machen die Mädchen in der Zeit der Corona-Krise bzw. welche Auswirkungen hat die Pandemie auf das Leben der Mädchen?

„Wie wir aus den Medien wissen, ist Indien eines der am stärksten von Corona betroffenen Länder. Natürlich ist auch das Kinderheim betroffen. Seit März haben die Mädchen keine Schule mehr und bleiben stattdessen einfach in unserem Heim. Ihnen fehlt nicht nur der Unterricht; die Situation setzt ihnen auch psychologisch zu. Wir versuchen, ihnen verschiedene Aktivitäten außerhalb des Lehrplans anzubieten (z.B. Lernen am Computer, englische Grammatik, Handarbeit, Gartenarbeit). Trotzdem hat Corona große Auswirkungen auf ihr seelisches Wohlbefinden, denn es bringt Angst und Unsicherheit in ihr Leben. Deshalb haben wir jetzt auch einige Ausbildungskurse gestartet.“

Was weiß man in Deutschland nicht über die Menschen in Indien?

„In Indien leben derzeit mehr als 1,3 Milliarden Menschen (Stand: Volkszählung 2011). Schon bald wird das Land wegen seines enormen Bevölkerungswachstums von mehr als 15 Millionen pro Jahr das Nachbarland China als den bevölkerungsreichsten Staat der Erde ablösen. Trotz der gewaltigen Fläche von fast 3,3 Millionen Quadratkilometern ist das Land relativ dicht besiedelt. Indien ist ein Land vieler Kontraste: eine aufstrebende Volkswirtschaft, Atommacht und die stabilste Demokratie der Region. Es gibt viele Dinge, die die Deutschen vielleicht nicht wissen:

Der in Indien immer wieder gebrauchte Leitspruch „Einheit in Vielfalt“ soll der großen Fülle von Menschen, Kulturen, Religionen und Sprachen Rechnung tragen. Ein großes Problem dieser Expansion sind die drastischen Konsequenzen für die Frauen in der Bevölkerung. Laut der Volkszählung 2011 kommen auf 1000 Männer 943 Frauen. Bei den unter 15-Jährigen liegt das Geschlechterverhältnis bei 1000 zu unter 800, denn in den letzten 20 Jahren wurden laut Studien etwa 12 Millionen Mädchen abgetrieben.

In sprachlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ist die heutige Republik Indien ein ungeheuer vielfältiges Land, in dem u.a. Hindus, Muslime, Christen, Juden, Sikhs, Buddhisten und Zoroastrier (Parsen) zum Teil seit Tausenden von Jahren zusammen leben. Und die jeweiligen religiösen Gemeinschaften sind keineswegs monolithische Blöcke, sondern intern wiederum vielfach aufgefächert.

Jährlich sterben zwei Millionen Kinder in Indien an Unterernährung. Im Hinduismus gibt es ca. 330.000 Götter. Die linke Hand gilt in Indien als unrein, da sie meist als Ersatz für Toilettenpapier verwendet wird. 70% aller Gewürze auf der Welt kommen aus Indien. Mit 1,6 Millionen Mitarbeitern ist die indische Eisenbahn der größte Arbeitgeber der Welt und 11 Millionen Reisende sind jeden Tag in indischen Zügen unterwegs. An jedem Sonntag und Feiertag wird der ein Palast in Mysore mit 80.000 Glühbirnen beleuchtet. Der Sari ist Indiens charakteristischtes Kleidungsstück. Er gehört zu den bekanntesten Gewändern der Welt und verbindet die traditionelle Kultur des Subkontinents mit einem eleganten Aussehen. Schon seit dem dritten Jahrtausend vor Christus hüllen sich Frauen in ihre Saris.“

Was ist in Zukunft geplant?

„Wir setzen uns ein für mehr Respekt vor der Menschenwürde von den ausgestoßenen Menschen, die die niedersten Arbeiten verrichten und ihr Schicksal nicht aus eigener Kraft ändern können. In Indien sind dies die Dalit, die Unberührbaren, die Ausgestoßenen und die Kastenlosen. India Trust setzt da an, wo Hilfe sinnvoll ist – bei der Bildung.

Bessere Lebensbedingungen schaffen:
Diese Menschen haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie wollen ihr Leben ändern. Und mit Ihrer Unterstützung wollen wir ihnen dabei helfen.
Neben fehlender Ausbildung ist auch das Lebensumfeld ausschlaggebend. Die Dalits haben sich ihr Schicksal nicht ausgesucht. Sie wurden dort hineingeboren. Deshalb ist es wichtig, ihnen eine Chance zu geben! Derzeit können wir in unserem Kinderheim 69 Mädchen im Alter von 6 bis 18 Jahren aufnehmen.

Bildung und Fähigkeiten ebnen den Weg:
Den christlichen Verein India Trust gibt es seit 2013. Er fördert Dalit Frauen und Kinder durch Bildung und Handwerk. Die Frauen lernen, Produkte wie Kerzen und Kleidung herzustellen. Durch eine Ausbildung zur Schneiderin erhalten sie neue Perspektiven.“

Wer unterstützt India Trust und womit?

„Unsere Gemeinde startete mit großer moralischer Unterstützung unseres vor zwei Jahren verstorbenen Pfarrers Norbert Bentele. Auch heute noch wird das Projekt ausschließlich von unseren Gemeindemitgliedern und meinen Freunden in Deutschland finanziert. Sie unterstützen unser Projekt vor allem mit Geldspenden. In den letzten drei Jahren reisten auch einige deutsche Schüler nach Indien, um den Mädchen im Kinderheim einige Monate lang oder ein Jahr lang zu helfen. Im Großen und Ganzen lebt unser Kinderheim jedoch von Spenden großzügiger Menschen in Deutschland, wofür wir sehr dankbar sind.“