Projekte unserer Stipendiaten

Alle unsere Stipendiaten verpflichten sich bei Annahme des Stipendiums zu einem überschaubaren Umfang an gemeinnütziger Arbeit. Je nach Notendurchschnitt wird unter Umständen auch die Durchführung eines eigenen gemeinnützigen Projekts erwartet. Doch was heißt das?

Zur Inspiration zukünftiger Bewerber, stellen wir hier drei Projekte unserer Stipendiaten in deren eigenen Worten vor:

  1. das Theaterprojekt „Zwischen den Stühlen“ eines syrischen Schauspielschülers
  2. das Friedensprojekt der Master-of-Law-Studentin Diana Torres aus Kolumbien
  3. das „Enrique Schmidt Stipendium“ des Ökonoms Abraham Delgado aus Nicaragua

SBW Talents Logo

1. Theaterprojekt „Zwischen den Stühlen“

„Viele SBW Berlin Stipendiaten setzen während Ihrer Studienzeit eigene gemeinnützige Projekte um. Ich entschied mich dafür, das von mir verfasste Theaterstück „Zwischen den Stühlen“ in Berlin uraufzuführen. Es basiert auf dem Roman „Ich werde mein Heimatland verraten | Delirium in Horror und Freiheit“ von dem syrischen Schriftsteller Mohamad Almaghout.

Als ich im November 2019 nach Berlin zog, war ich voller Hoffnung, mein Theaterstück hier auf die Bühne bringen zu können, obwohl ich in Berlin kaum Beziehungen hatte – weder zu Theatern, Sponsoren, anderen Migranten, noch zur Presse. Natürlich fehlte es mir auch an den finanziellen Mitteln für die Finanzierung der Produktion.

Der syrische Regisseur, mit dem ich mein Theaterstück gemeinsam inszenieren wollte, war plötzlich der Meinung, dass wir einen Dramaturgen zur Überarbeitung meines Theaterstücks benötigen und beide hatten Honorarvorstellungen, die nicht finanzierbar waren.

So stand ich im Frühjahr 2020 mit leeren Händen da: kein Budget, kein Regisseur, keine Mitspieler, keine Bühne.

Glücklicherweise sprang meine Schauspielschule ein: Die Schulleitung der bsfs (berliner schule für schauspiel) erklärte sich bereit, mein Stück als Schulprojekt in den Unterricht zu integrieren und auf der schuleigenen Studiobühne zu inszenieren. Das war ein echter Durchbruch, denn die Schule stellt für die Inszenierung viele ihrer Ressourcen zur Verfügung. Trotzdem blieb eine Finanzierungslücke, denn ich wünschte mir eine Produktion, an der sich sowohl Deutsche als auch in Berlin ansässige Geflüchtete und Migranten beteiligen. Da die Proben Teil des Unterrichts waren, musste ein Sponsor für deren Unterricht gefunden werden.

Daraufhin entschied SBW Berlin, das Projekt zu bezuschussen und einen Teil der Öffentlichkeitsarbeit zu übernehmen.

Die Regie des Theaterstücks übernimmt jetzt die Regisseurin und bsfs Dozentin Karin Mikityla – mit Unterstützung eines weiteren bsfs Dozenten. Unter ihrer Leitung wird eine professionelle Darbietung erarbeitet.

Die Premiere (Welt-Uraufführung) wird voraussichtlich am Freitag, den 11. Dezember 2020 auf der Studiobühne der bsfs stattfinden. Am 12. und 13. Dezember 2020 sind dort weitere Aufführungen geplant.“

 

2. Eine Initiative für Frieden in Kolumbien (von Diana Torres)

„Kolumbien ist ein Land, das seit mehr als 50 Jahren unter den Auswirkungen eines inländischen Krieges leidet. Offiziellen kolumbianischen Institutionen zufolge liegt die Zahl der Opfer dieses bewaffneten Konflikts in Kolumbien bereits bei 8.447.047.

2005 wurde in Kolumbien ein Übergangsjustizsystem eingerichtet, um Lösungen für den bewaffneten Konflikt auszuhandeln. Diese Institution sollte nicht nur die Verantwortlichen der paramilitärischen Gruppe AUC bestrafen, sondern vor allem Licht in die Geschehnisse während des bewaffneten Konflikts bringen. Es wurden bereits über 68 Gerichtsurteile gefällt. In diesen Urteilen und zahlreichen Aufzeichnungen von Zeugenaussagen befinden sich wichtige Informationen über die Ursachen und Folgen des paramilitärischen Konflikts in Kolumbien, teils sogar Videos über die Versöhnung von Opfern und Tätern.

Obwohl dieser gerichtliche Wahrheitsfindungsprozess öffentlich einsehbar ist, sind die Ermittlungsergebnisse in der kolumbianischen Bevölkerung kaum bekannt. Diese Unkenntnis führt dazu, dass weite Teile der Zivilbevölkerung über die Ursachen und Folgen des bewaffneten Konflikts in Kolumbien nicht informiert sind.

Daher ist es mein Ziel, eine Webseite zu errichten, auf der sich Leser aus dem In- und Ausland darüber informieren können, was während des bewaffneten Konflikts wirklich passiert ist. Dazu sollen auf der Webseite folgende Informationen zusammengetragen werden:

  • vollständige Gerichtsurteile sowie eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen
  • Audio-Aufzeichnungen von den Zeugenaussagen der Opfer
  • Video-Aufzeichnungen mit Szenen der Versöhnung von Opfern und Tätern

Mit dieser national und international öffentlich zugänglichen Webseite beabsichtige ich, die Suche nach Informationen über den bewaffneten kolumbianischen Konflikt zu erleichtern. Die Webseite soll ein digitales Werkzeug sein, das auch zur Unterstützung des Geschichtsunterrichts an kolumbianischen Schulen und Universitäten eingesetzt werden kann.

Ich bin davon überzeugt, dass das Ziel des Friedens in meinem Land die Kenntnis der Zivilbevölkerung darüber einschließt, was während des bewaffneten Konflikts wirklich geschehen ist. Dies ist ein wichtiger Weg, um zu verhindern, dass sich die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die mein Land seit Jahrzehnten erschüttern, wiederholen.“

Bogota in Colombia with dark clouds by Victor Rodriguez

3. Das Enrique Schmidt Stipendium (von Abraham Delgado)

„2014 hatten zwei meiner nicaraguanischen Freunde und ich die Idee, wirtschaftlich benachteiligten, aber hoch-motivierten jungen Nicaraguanern ein Universitätsstudium in Nicaragua zu finanzieren. Diese Idee entstand, nachdem uns klar wurde, dass dafür ein hoher Bedarf besteht und Bildung der Schlüssel zur Überwindung großer Hindernisse ist. Nach mehreren Gesprächen, um diese Idee weiter auszuarbeiten, beschlossen wir, sie als sog. „Enrique Schmidt Stipendium“ in die Tat umzusetzen. Auf diese Weise wollten wir uns für unser Glück revanchieren und zur Entwicklung unseres Landes beitragen.

Ohne rechtliche Vertretung war es zunächst schwierig, Spenden zu sammeln. Im ersten Jahr organisierten daher einige in Deutschland lebende Nicaraguaner Spendenaktionen, um die ersten Stipendien zu finanzieren.

Im Jahr 2015 schienen wir eine Lösung für das Problem der fehlenden rechtlichen Vertretung gefunden zu haben: Wir kooperierten mit einem deutschen Verein. Leider war dieser Verein nur dazu bereit, mit der Gemeinde, aus der die ersten Bewerber stammten, zusammenzuarbeiten.

Zufälligerweise fand 2016 in Göttingen eine Veranstaltung statt, an der sowohl in Deutschland lebende Nicaraguaner als auch Deutsche, die bereits als Freiwillige in Nicaragua gearbeitet hatten, teilnahmen. Dort trafen einige Gründer des ursprünglichen Enrique Schmidt Stipendiums auf Mitglieder des Vereins Puente Nica und entdeckten, wie sehr sich diese beiden Bildungsinitiativen ähnelten.

Auf den ersten Blick schien eine Zusammenarbeit unmöglich. Aber nach knapp einem Jahr fortlaufender Kommunikation wurde ein Treffen in Berlin arrangiert, um herauszufinden, ob es nicht doch Kooperationsmöglichkeiten gäbe. Während des ersten Jahres war die Zusammenarbeit ziemlich anstrengend. Die Denk- und Herangehensweise der beiden Initiativen war recht unterschiedlich, aber uns vereinte das gemeinsame Ziel eines besseren Nicaragua. Im Jahr 2017 kam es dann zu einem soliden Zusammenschluss.

Im Gründungsjahr 2014 war ich der einzige Nicaraguaner in unserer Arbeitsgruppe, der noch in Nicaragua lebte. Daher war ich der einzige inländische Vertreter unserer Initiative. Meine Aufgabe war es daher, die Schule in der Gemeinde La Paz Centro zu besuchen, um den Schülern, die kurz vor dem Abitur standen, unser Stipendium vorzustellen. Daneben gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die Bewerbungen in Empfang zu nehmen und die Bewerberinformationen in einer Tabelle zusammenzufassen, um mich mit meinen Kollegen in Deutschland darüber auszutauschen zu können. Außerdem war ich der Hauptansprechpartner für Rückfragen.

Dieses Ehrenamt habe bis 2015 ausgeübt, als ich mich entschied, mich auf die Suche nach einem Stipendium für mein eigenes Aufbaustudium zu konzentrieren. Dadurch habe ich fast vollständig den Kontakt zu den Initiatoren des Enrique Schmidt Stipendiums verloren. Nach ein paar Jahren Recherche fand ich in Berlin das Masterprogramm meiner Träume. Ich zögerte nicht, mich dafür zu bewerben. Im Jahr 2018 hat mich die Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin in ihren Masterstudiengang “Internationale Wirtschaft und Entwicklungsökonomie” aufgenommen. Mein Studium sollte im April 2019 beginnen und ich musste noch einen Weg finden, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, da es sehr schwer werden würde, nebenbei zu arbeiten.

Glücklicherweise habe ich im Januar 2019 die SBW Berlin und ihr Stipendienprogramm entdeckt. Nachdem ich mich erfolgreich beworben hatte, präsentierte ich das Enrique Schmidt Stipendium als Vorschlag für mein Stipendatenprojekt. Seitdem ist es meine Aufgabe, das Bewerbungs- und Auswahlverfahren des Enrique-Schmidt-Stipendiums zu verbessern, um das Stipendienprogramm weiter auszubauen. Darüber hinaus bin ich auch für die Kommunikation mit den derzeitigen Stipendiaten und die Dokumentation ihrer finanziellen Situation verantwortlich. Als offizielles Puente Nica Mitglied bin ich auch Teil des Gremiums, das zukünftige Stipendiaten auswählt. Diese Arbeit führte zu einer offiziellen langfristigen Partnerschaft zwischen Puente Nica und der SBW Berlin, die die Kosten für zwei Enrique-Schmidt-Stipendien übernehmen wird. “

Landscape of Nicaragua by Tobias Tullius on Unspalsh

Initiieren Sie ein eigenes Projekt!

Sie haben eine interessante Projektidee, aber nicht die Möglichkeiten diese zu verwirklichen?